aus: Über den Umgang mit Menschen
1. Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, und also der Umgang mit unsrer eigenen Person gewiß weder der unnützeste noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihn, wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigene Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehn scheint, sein eigenes Ich nicht kultiviert und sich doch stets um fremde Händel bekümmert.
Wer täglich herumrennt, wird fremd in seinem eigenen Hause; wer immer in Zerstreuung lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger Leute seine innere Langeweile zu töten trachten, büßt das Zutrauen zu sich selber ein und ist verlegen, wenn er sich einmal vis à vis de soi-même befindet. Wer nur solche Zirkel sucht, in welchen er geschmeichelt wird, verliert so sehr den Geschmack an der Stimme der Wahrheit, daß er diese Stimme zuletzt nicht einmal mehr aus sich selber hören mag; er rennt dann lieber, wenn das Gewissen ihm dennoch unangenehme Dinge sagt, fort, in das Getümmel hinein, wo diese
wohltätige Stimme überschrien wird.
2. Hüte Dich also, Deinen treuesten Freund, Dich selber, so zu vernachlässigen, daß dieser treue Freund Dir den Rücken kehre, wenn Du seiner am nötigsten bedarfst. Ach, es kommen
Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist – was wird aber in solchen Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hilfe Dir versagt wird?
3. Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du ebenso
vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn als mit andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.
4. Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle beide nicht. Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über
Menschen und Schicksal zu erheben und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelware sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet und jede Anstrengung und Übung seiner Glieder scheut, der lebt ein ängstliches, nervenloses Austerleben und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kommt, seiner natürlichen Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüt ohne Unterlaß dem Sturme der Leidenschaften preisgibt oder die Segel seines Geistes unaufhörlich spannt, der rennt auf den Strand oder muß mit abgenutztem Fahrzeuge nach Hause lavieren, wenn grade die beste Jahreszeit zu neuen
Entdeckungen eintritt. Wer aber die Fakultäten seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von minder angenehmer Anstrengung zurückbebt, der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren da, wo es auf Kraft, Mut und Entschlossenheit ankommt.
Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele. Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder körperlichen Unbehaglichkeit. Fasse Mut! Sei getrost! Alles in der Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet.
5. Respektiere Dich selbst, wenn Du willst, daß andre Dich respektieren sollen. Tue nichts im
Verborgenen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe. Handle weniger
andern zu gefallen, als um Deine eigene Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig!
Selbst in Deinem Äußern, in Deiner Kleidung sieh Dir nicht nach, wenn Du allein bist. Gehe
nicht schmutzig, nicht lumpig, nicht unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren
einher, wenn Dich niemand beobachtet. Mißkenne Deinen eigenen Wert nicht! Verliere nie
die Zuversicht zu Dir selber, das Bewußtsein Deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht
ebenso weise und geschickt als manche andre zu sein, doch weder an Eifer, es zu werden,
noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand nachzustehn.
6. Verzweifle nicht, werde nicht mißmutig, wenn Du nicht die moralische oder intellektuelle
Höhe erreichen kannst, auf welcher ein andrer steht, und sei nicht so unbillig, andre gute
Seiten an Dir zu übersehn, die Du vielleicht vor jenem voraus haben magst – und wäre das
auch nicht der Fall! Müssen wir denn alle groß sein?
Stimme Dich auch herab von der Begierde zu herrschen, eine glänzende Hauptrolle zu
spielen. Ach, wüßtest Du, wie teuer man das oft erkaufen muß! Ich begreife es wohl, diese
Sucht, ein großer Mann zu sein, ist bei dem innern Gefühle von Kraft und wahrem Werte
schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt und sieht, wie wenig
diese erkennen und schätzen, was in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die
elendesten Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunterblicken – Ja! es
ist wohl freilich hart! – Du versuchst es in allen Fächern; im Staate geht es nicht; Du willst in
Deinem Hause groß sein, aber es fehlt Dir an Geld, an dem Beistande Deines Weibes; Deine
Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt, und so geht denn alles den
Werkeltagsgang; Du empfindest tief, wie so alles in Dir zugrunde geht; Du kannst Dich
durchaus nicht entschließen, ein gemeiner Kerl zu werden, in dem Fuhrmannsgleise
fortzuziehn – das alles fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Mut, den
Glauben an Dich selber und an die Vorsehung! Gott bewahre Dich vor diesem vernichtenden
Unglücke! Es gibt eine Größe – und wer die erreichen kann, der steht hoch über allen -, diese
Größe ist unabhängig von Menschen, Schicksalen und äußerer Schätzung. Sie beruht auf
innerem Bewußtsein, und ihr Gefühl verstärkt sich, je weniger sie erkannt wird.
7. Sei Dir selber ein angenehmer Gesellschafter. Mache Dir keine Langeweile, das heißt: Sei nie
ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu sehr auswendig, sondern sammle aus Büchern und
Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn
man sich immer in dem Zirkel seiner eigenen Lieblingsbegriffe herumdreht, und wie man
dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
Der langweiligste Gesellschafter für sich selber ist man ohne Zweifel dann, wenn man mit
seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachteiliger Abrechnung steht. Wer sich davon
überzeugen will, der gebe acht auf die Verschiedenheit seiner Launen! Wie verdrießlich, wie
zerstreuet, wie sehr sich selbst zur Last, ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar
schädlich hingebrachter Stunden, und wie heiter, sich selbst mit seinen Gedanken
unterhaltend dagegen am Abend eines nützlich verlebten Tags.
8. Es ist aber nicht genug, daß Du Dir ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesellschafter
seiest, Du sollst Dich auch, fern von Schmeichelei, als Dein eigener treuester und
aufrichtigster Freund zeigen, und wenn Du ebensoviel Gefälligkeit gegen Deine Person als
gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, ebenso strenge gegen Dich als gegen andre
zu sein. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich alles und andern nichts; gibt bei
eigenen Fehltritten, wenn man sich auch dafür anerkennt, dem Schicksale oder
unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger tolerant gegen die Verirrungen seiner
Brüder – das ist nicht gut getan.
9. Miß auch nicht Dein Verdienst darnach ab, daß Du sagest: »Ich bin besser als dieser und jener
von gleichem Alter, Stande«, und so ferner; sondern nach den Graden Deiner Fähigkeiten,
Anlagen, Erziehung und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden als
viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung mit Dir selber und frage Dich als
ein strenger Richter, wie Du alle diese Winke zu höherer Vervollkommnung genutzt habest.